Wie übersteht ein kleines Wasserkraftwerk die Jahrzehnte? Eine in der Schweiz und in Peru durchgeführte Studie zeigt, dass sein Fortbestand nicht nur von technischen oder wirtschaftlichen Erwägungen abhängt, sondern auch von sozialen Beziehungen, lokalem Know-how und diversen Formen des persönlichen und gemeinschaftlichen Engagements.
Mit Mikrofon und Kamera ausgerüstet stehen wir vor dem Ausflussrohr des Kleinwasser-Kraftwerks (KW) Huallin, gelegen im gleichnamigen Bergdorf, in den nördlichen Anden Perus. Erst wenige Stunden zuvor hat uns eine steile Passstrasse hierhergeführt, bis zu 5000 Meter über Meer erreichten wir. Die schroffen, schneeweissen Berggipfel schienen zum Greifen nah.
Nun zeigt uns Lino Pruneri, Teil der lokalen katholischen Kirch-Gemeinde und Chef der ihr angegliederten lokalen Energiefirma, sein Reich. Das Kleinwasser-KW Huallin, seit 2010 in Betrieb,mit einer Turbine aus zweiter Hand aus Italien ausgestattet,4 MW Produktionskapazität, ist hier die neuste Errungenschaft. Mit dem Mikrofon versuchen wir den imposanten Sound des Wassers festzuhalten, das mit Getose weiter ins Tal stürzt. Pruneri beobachtet uns miteinem Grinsen und meint: «Ihr wisst schon, dass Wasser überall auf der Welt gleich klingt?»
Noch mehr als der Klang des Wassers interessieren uns dabei die Menschen und ihre Netzwerke, die dazu beitragen, diese Orte der dezentralen Energieproduktion über Jahre oder gar Jahrzehnte zu erhalten.
Uri: Einkommensquelle und Familienangelegenheit
Am Beispiel der Kleinwasser-KW im Kanton Uri zeigt sich exemplarisch, dass nur auf den ersten Blick die technische Instandhaltung im Zentrum des Unterhalts der Anlagen steht. Fürs langfristige Funktionieren müssen viele andere Aspekte und Kompetenzen beachtet werden. Dazu gehört unter anderem die Buchhaltung, die Kenntnisse von neusten Gesetzen, das Netzwerken, eine gute Portion Diplomatie und Beziehungsarbeit in der Familie und mit anderen Beteiligten, gute Kontakte mit der Gemeinde, stabile und geregelte Verhältnisse mit dem Energieabnehmer und dem Konzessionsgeber.
Auch die Entlohnung muss stimmen, wobei die monetäre Vergütung hier nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Die Freude an der Arbeit oder der Stolz auf familiäres Erbe können dabei genauso zentral sein für den Erhalt eines Kleinwasser-KW.
Um die Motivationen, ein Kleinwasser-KW zu führen, scheiden sich oft die Geister. Während die einen das Kleinwasser-KW primär als Einkommensquelle betrachten, vergleichen es die anderen eher mit einem Haustier, das Freude macht, aber auch der Pflege bedarf. Es birgt Schwierigkeiten, diese unterschiedlichen Bezüge unter einen Hut zu bringen. Diese treten oft beim Übergang von der einen zur nächsten Generation oder unter Geschwistern besonders deutlich zutage.
Das Konfliktpotenzial steigt, wenn die Nachfolge und Verteilung von Rechten und Pflichten nicht klar geregelt wurden. Ein Kleinwasser-KW kann auch ein schwieriges Erbe sein, beispielsweise wenn es für die jüngere Generation die komplizierten Beziehungen zu den Eltern verkörpert.
Da ein Kleinwasser-KW immer Aufmerksamkeit bedarf, zeigt sich, dass vor allem jüngere und neue Kleinwasser-KW-Betreiber und Betreiberinnen versuchen, ihre Anlage im grösseren persönlichen Netzwerk einzubetten, um sich so eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu ermöglichen.
Die jährliche Kontrolle der Düse, KW Brunni. @ Agnieszka Joniak-Lüthi
Berner Oberland: Autonomie oder Versorgungssicherheit
Im Berner Oberland, konkret im Haslital, verwebt sich die Kleinwasserkraft – auch hier häufig im Familienbetrieb – eng mit der lokalen Tourismusgeschichte. Viele der Anlagen entstanden um 1900 aus bestehenden wassergetriebenen Mühlen und wurden über Generationen von Familien weiterentwickelt und betrieben. Sie versorgen Gasthöfe, Bergbahnen oder die Alpwirtschaft, einige von ihnen bis vor Kurzem ausschliesslich im Inselbetrieb.
Wirtschaftlichkeit spielte dabei stets eine Rolle, allerdings, wie auch im Kanton Uri, nicht primär als Gewinnmaximierung, sondern als Voraussetzung für den Betrieb und Fortbestand von Familienunternehmen oder Dorfgemeinden. Diese enge Verbindung von Energieproduktion, touristischer Nutzung und lokalem Unternehmertum prägt die Region bis heute. Kleinwasserkraft ist auch hier nicht nur Infrastruktur, sondern Teil lokaler Geschichte, Identität und wirtschaftlicher Praxis.
Die Übergabe der Anlagen an die nächste Generation bringt oft nicht nur eine technische, sondern auch eine betriebliche Weichenstellung mit sich: Soll in bestehende Infrastrukturen investiert, der Anschluss ans Netz gesucht oder verstärkt auf neue Technologien wie Photovoltaik gesetzt werden?
Der Netzanschluss des Reichenbachtals im Herbst 2025 eröffnete zusätzliche Optionen wie Einspeisung und erhöhte Versorgungssicherheit. Gleichzeitig regte sich Widerstand. Kritische Stimmen betonten den Wert von Energieautonomie und Landschaftsschutz. Der Verzicht auf einen Anschluss wird so zu einem Ausdruck von Unabhängigkeit gegenüber externen Akteuren und zu einem Mittel gegen eine unerwünschte Intensivierung touristischer Infrastrukturentwicklung.
Sowohl Befürworter als auch Gegner operieren teilweise mit ähnlichen Argumenten und betonen Nachhaltigkeit, regionale Wertschöpfung und Zukunftsfähigkeit ihrer gemeinschaftlich betriebenen Anlagen. Der Unterschied liegt in den Gewichtungen. Während die einen im Netzanschluss ein Fortbestehen regionaler Strukturen sehen, verstehen die anderen gerade die energetische Autonomie als Voraussetzung für deren Erhalt.
Der Konflikt um den Netzanschluss zeigt exemplarisch, dass technische Infrastrukturentscheidungen im alpinen Raum immer auch soziale und kulturelle Aushandlungsprozesse sind. Während im Haslital konkret verhandelt wird, ob und unter welchen Bedingungen ein Anschluss an das kantonale Netzwerk sinnvoll ist, eröffnet sich im internationalen Vergleich eine weiterführende Perspektive: Nicht überall stellt sich diese Frage in gleicher Weise.
Peruanische Anden: anschliessen oder aufgeben
In Peru besteht die Herausforderung darin, kleinräumige Infrastrukturen überhaupt in übergeordnete, zentral organisierte Systeme einzubinden. Damit verschiebt sich der Fokus von der lokalen Aushandlung hin zu den strukturellen Bedingungen, unter denen kleine Anlagen in nationale Elektrizitätsregime integriert oder verdrängt und aufgegeben werden.
Die peruanische Andenregion, genauso wie die Schweizer Alpen ein Wasserschloss, bietet in jedem Tal unzählige Möglichkeiten zur Stromproduktion mit Kleinwasserkraft. Wie in der Schweiz entstanden denn auch zu Beginn bis in die Mitte des 20. Jahrhundert viele Kleinwasser-KW, vor allem auf private Initiative der Grossgrundbesitzer hin, die ihre Kaffee- oder Zuckerproduktion industrialisieren wollten. Sie versorgten jedoch kaum die Häuser der rundum lebenden Landbevölkerung mit Strom.
Das KWK «Collo», wie Huallin im Besitz der lokalen katholischen Kirchgemeinde, produziert mit seiner italienischen Turbine aus zweiter Hand 918 kW für die umliegenden Gemeinden. @ Agnieszka Joniak-Lüthi
Die grossen ökonomischen und politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere immer günstigere Verbrennungsmotoren für Stromgeneratoren, veränderte Produktionsprozesse und die Enteignung der Grossgrundbesitzer im Zuge der Landreform in den 1960er Jahren führte dazu, dass viele dieser Kleinwasser-KW aufgegeben wurden.
Währenddessen entstand das staatliche Stromnetz für die grossen Küstenstädte. Die Bergregionen blieben dabei aussen vor. Für Jahrzehnte versuchten deshalb fast ausschliesslich Akteure der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, diese Regionen mit Strom zu versorgen. Sie bauten in den 1990er und frühen 2000er Jahren unzählige Kleinwasser-KW, vor allem in den Anden. Dabei klammerten diese Projekte jedoch zentrale Fragen der längerfristigen Instandhaltung aus: Wer kümmert sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten um die alltäglichen Belange des Kraftwerks? Wer weiss, wie die Turbine gewartet werden muss? Und, vor allem, wer würde grössere Reparaturen bezahlen?
Erhalten, anschliessen oder aufgeben? Die Frage stellt sich auch für die KWK im Norden der peruanischen Anden, beispielsweise bei diesen Anlagen im Departament Cajamarca. @ Agnieszka Joniak-Lüthi
Es erstaunt deshalb kaum, dass viele lokale Dorfgemeinschaften die so gebauten Kraftwerke kaum länger als ein Jahrzehnt betreiben konnten. Erschwerend kam hinzu, dass sich der peruanische Staat vor allem aus Kostengründen ab den 2010er Jahren für eine zentrale Stromversorgung entschied und das nationale Stromnetz massiv ausbaute. Dabei fehlte leider ein Plan, die Kleinwasser-KW als dezentrale Zulieferer zu erhalten, was diesen häufig den Todesstoss versetzte. Kleinwasser-KW mit langer Geschichte und gesicherter Finanzierung sind daher in Peru eher selten. Umso spannender die wenigen Fälle dezentraler Energieproduktion oder flächendeckender Stromversorgung im Inselbetrieb, wie wir sie in Huallin kennenlernen durften.
Egal ob im Haslital, in Uri oder in den Anden: Unsere Forschung zeigt, dass ein Kleinwasser-KW weit mehr als guten Willen und eine funktionierende Turbine braucht. Jedes Kraftwerk hat seine Geschichte, sein soziales Netzwerk und seine besonderen Eigenschaften. Deshalb klingt auch jedes anders!
Die Autorinnen
Professorin Agnieszka Joniak-Lüthi leitet das Projekt und forscht dazu im Kanton Uri. Davor lag ihr Forschungsschwerpunkt in China, wo sie vier Jahre gelebt und über Transportinfrastrukturen geforscht hat.
Dr. Elisabeth Schubiger ist Postdoktorandin und forscht im Berner Oberland, Kenia und Haiti. Sie erforscht die Auswirkungen von wirtschaftlichem und ökologischem Wandel auf gemeinschaftlich verwaltete Ressourcen.
Hannah Plüss Quintanilla Fernandez schreibt innerhalb des Projekts ihre Doktoratsarbeit und forscht in den peruanischen Anden. Sie analysiert Infrastrukturen und deren Kontexte in verschiedensten Ländern Lateinamerikas.
Das Projekt untersucht, wie Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften in Bergregionen der Schweiz und Perus kleine Wasserkraftwerke sowie lokale Stromversorgungsnetze betreiben und verwalten.
Die aktuelle Debatte über dekarbonisierte Energiesysteme wirft grundlegende Fragen auf, wie die Erzeugung und Verteilung von Elektrizität gerechter und demokratischer organisiert werden können. Das Forschungsprojekt untersucht die jahrzehntelangen Erfahrungen mit dezentraler Energieproduktion als wertvolle Wissensquelle für die aktuelle Energiedebatte. Ziel ist es, zu einer empirisch fundierten Vision einer nachhaltigeren Energiezukunft beizutragen.